Eindeutig vieldeutig: Franz Marc in Kochel

Franz_Marc_Kämpfende FormenSprühendes Rot, auskragend, Platz fordernd, in sich drehend: Diese zentrale Form scheint alle um sich liegenden, gelben und grünen Spitzen aufgesaugt zu haben und neu daraus geboren zu sein. Und sie greift so weit um sich, dass der größte Widersacher sich geradezu weg zu ducken scheint: Das Blauschwarz rollt sich zusammen in seine dunkle, blaurot schimmernde Bildhälfte. „Kämpfende Formen“ hat Franz Marc 1914 gemalt, just bevor er zum Ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Was er uns damit sagen wollte? Das hat eine der größten Diskussionen in der Kunstgeschichte entfacht. Marc selbst, 1916 in Frankreich gefallen, löste das Rätsel nicht auf. Auch das Franz Marc Museum in Kochel gibt keine Antwort: Gott sei Dank! Hier wird vielmehr die ganze Bandbreite des Malers „zwischen Utopie und Apokalypse“ ausgestellt, flankiert von berühmten Kollegen, eingebettet in zeitgeistige Strömungen und in Kontext gestellt mit den „Spätfolgen“ der Abstraktion nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Schau ist der letzte Teil einer Trilogie zum 100. Todestag Marcs am 4. März 2016. Dafür reisten die „Kämpfenden Formen“ von der Münchner Pinakothek der Moderne zurück an ihren Entstehungsort am Kochelsee. Was dort Marc zu diesem Bild antrieb? Ist es ein Gleichnis des Kriegs, in dem der rote, deutsche Adler gewinnt? Ist es der Kampf Gut gegen Böse? Oder das ewige Ringen des Männlichen mit dem Weiblichen? Oder thematisiert es die philosophische Diskussion um Materielles contra Spirituellem? Wir werden es nie wissen. Und das ist gut so: 1913 schrieb Marc nämlich selbst an seinen Kollegen Robert Delaunay in Frankreich: „Sie konstruieren die Idee einer Malerei ohne Gegenstand; ich behaupte, dass es so eine Malerei nicht gibt.“ Marc ist der Überzeugung, auch jede an sich abstrakte Linie ist eine Sache. „Es ist gut möglich, dass jeder Betrachter hier eine andere Sache sieht, eine andere Idee, aber ‚irgendetwas‘ wird er hier immer sehen.“ Wie schön! Marc befreit uns damit von einem eindimensionalen, eindeutigen Denken. Er gibt uns das Recht auf eigene Ideen und Sichtweisen – und den Künstlern die große Freiheit.

Damit wird die zentrale Botschaft der „Blauen-Reiter“-Ära vermittelt, die im Sinne aller Expressionisten den wohl größten Paradigmenwechsel in der Kunst vollzogen hat: vom Äußeren zum Inneren, vom Erscheinungsbild zur persönlichen Interpretation, von der einen Wahrheit zur Vielfalt der Wahrnehmung. Das muss übrigens nicht zwingend die reine Abstraktion sein: Die Schau in Kochel zeigt in tollen Beispielen auf, wie parallel Bildwelten entstanden, die mit dem alten Vorurteil, dass nur das Ungegenständliche modern sei, aufräumt. In Marcs „Skizzenbuch aus dem Felde“, 1915 in Verdun begonnen, sind unglaublich dichte, schimmernd changierende Bleistiftzeichnungen enthalten, die das Tier als reines Wesen (im Gegensatz zum grausamen Menschen) und die reine Form als spirituelle Komponente zeigen. Während Marc an der Front immer noch an eine Art Reinigung durch den Krieg, an einen Neuanfang danach glaubt und dafür „konstruktive Bilder“ liefern möchte, sind seine Kollegen schon früher desillusioniert: Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Otto Dix sind mit Bildern vertreten, die die Depression und Kritik an der Nachkriegsgesellschaft – eindeutig und gegenständlich – formulieren.

In verschiedenen Räumen und Kabinetten werden die gleichzeitigen Strömungen in der Moderne ausgelotet: mit Paul Klees wunderbaren Architekturen, mit Robert Delaunays Orphismus als kristalline, vitale Matrix der Welt, mit Wassily Kandinskys „Improvisation“ (1911) und seinem immateriell hellen „St. Georg“ (1910) als Verkörperung der spirituellen und geistigen Kunstschöpfung. Schlussendlich wurden alle diese Entwicklungen durch das NS-Regime unterbunden. Erst mit Ende des Zweiten Weltkrieges konnten Fritz Winter „Die Triebkräfte der Erde“ (1944), Willi Baumeister die „Metaphysische Landschaft“ (1948) oder Rupprecht Geiger seine schwebenden Farblandschaften entwickeln, die es ohne Marc und Co nie gegeben hätte.

Ergänzt um Marcs Korrespondenz mit Else Lasker-Schüler und der zeitgenössischen Installation von Michaela Melián zu Heimweh, Erinnerungen und Poesie zeigt die Ausstellung so, wie richtungsweisend und grundlegend die die Kunst vor hundert Jahren für unsere heutige Gesellschaft war und ist.

Bis 15. Januar 2017. Katalog: 29,80 Euro. Tel. 08851/924880

(Freia Oliv)

Campendonk im Blick im neuen Museum Penzberg

Er ist der jüngste der „Blauen Reiter“ – und wohl der letzte, der gebührend gefeiert wurde: Als das Museum Penzberg im Juni in seinem neuen Erweiterungsbau Heinrich Campendonk (1889-1957) eine große Eröffnungsausstellung widmete, stürmten 2000 Besucher allein am ersten Wochenende das Haus. Seitdem sind über 5600 weitere hinzugekommen – und die Nachfrage reißt nicht ab. Was tun also? Alles belassen? Das geht allein schon wegen der lichtempfindlichen Arbeiten auf Papier nicht. Also zaubert Museumleiterin Gisela Geiger kurzerhand gut 50 neue Arbeiten aus der Sammlung hervor und hängt in Rekordzeit einen Teil II der Schau „Campendonk im Blick“. Und das ist beileibe kein müder Nachtrag, sondern ein Augenflirt voller Rätsel und Leuchtkraft, ein verheißungsvoller Auftakt zu weiteren Sonderpräsentationen – und ein erfülltes Versprechen, dass sich das neue Haus wirklich lohnt.

 Heinrich Campendonk: Gaukler, um 1912 – Aquarell und Deckfarben auf Papier

Heinrich Campendonk: Gaukler, um 1912 – Aquarell und Deckfarben auf Papier

1909 hätte das keiner gedacht, am allerwenigsten Campendonk selbst: Aufgerissene Augen, schrille Farben, wirres Künstlerimage à la van Gogh und jede Menge Attitüde zeugen in seinem Selbstportrait von einem Jungspund, der sich in Krefeld gegen den Willen der Eltern zur Kunst bekannte und einen Hilfsjob im Osnabrücker Dom angenommen hatte. 1911 kam mit dem Umzug zur Blauen-Reiter-Truppe nach Sindelsdorf bei Penzberg wortwörtlich die Erleuchtung, die sich stringent auch in den Bildern breitmacht. Vor allem in der Hinterglasmalerei, die ab Januar in einer großen Ausstellung in den Fokus rücken wird: Durchs Glas hindurch leuchten die Fische eines Stilllebens in tiefer Magie (1926). 1922 begegnen sich hinter Glas in ungeheurer Brillanz zwei Frauen an einem irisierend grünen Tisch, die eine bäuerlich im Blümchenkleid, die andere die mondäne femme fatale mit einem Hunde-Pantherwesen.

Mit den verschiedenen Seiten und Rollen der Frau haderte der Künstler denn auch zeitlebens.  Die gemütlichen Dicken, die im Aquarell „Kabarett“ 1911 den Mann noch umgarnen und ein bisschen an Georg Grosz‘ Karikaturen erinnern, werden 1912 schon zu „Muse, Geliebte und Mutter“, nach und zwischen denen sich der junge Mann verzehrt. Die geballten Energieströme bringt Campendonk hier in Tusche zum Ausdruck. Sie beherrschen auch das Thema Ausdruckstanz, das in genialen, aquarellierten Zeichnungen den revolutionären, expressiven Zeitgeist manifestiert.

Und was machte man sonst zu Oberbayern zu Zeiten des großen Freigeists? Radeln! Das neu entdeckte Phänomen Tempo und Technik erfuhr hier eine gemütlichere Dimension, die dafür umso mehr Sinnlichkeit zuließ: Inspiriert durch Delaunays Orphismus schwelgt Campendonk 1914 in einer schwingenden Berglandschaft, in der Heuhocken fast zu Palmen und Bauernhöfe quasi zu Pagoden werden. 1913, zwischen Kirche und Kreuz, lenkt uns der Radfahrer zu einer krassen Konfrontation zwischen Mann und Frau, drohend aufgereckter Schlange und nett rundlichem Pferd. Welch Symbolik! Noch 1914 sollte Campendonk unsanft aus seinen Gedankenreisen und Beziehungsthemen durch den Kriegsdienst herausgerissen werden. In reizenden Postkarten-Miniaturen schrieb er täglich seiner Frau Ada. Die Sonderausstellung dazu folgt noch.

In den 30er Jahren wird die Bildsprache des Düsseldorfer Akademieprofessors für Wandmalerei flächiger – und trister: Reiseerinnerungen bergen die Tragik der NS-Diktatur, unter der er sein Amt und seine Heimat verlieren sollte. Ein Reihe Kruzifix-Darstellungen kündigt schon in den 1910er-Jahren an, dass Campendonk sein Künstlerleben auch immer als Leidensweg verstand. Der Ausweg aus der Misere war die Fantasie, die zu aberwitzigen Kreuz-Kompositionen mit Frauenumarmung, Clownsreigen oder Bischof in fast orientalischen Formen führte. Die gedankliche Flucht hat bis heute nichts an Anziehungskraft verloren.

Bis 31. Dezember, Tel. 08856/813480.

(Freia Oliv)

Der Turm der Blauen Pferde

Mischtechnik (1912 - 1913) Franz Marc [1880 - 1916] Bildmaß 14,1 x 9,4 cm Inventar-Nr.: 13550, Artist: Franz Marc
Franz Marc: Der Turm der Blauen Pferde, Postkarte, 1912, Tusche und Gouache auf Karton 14,3 x 9,4 cm, © Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München
Derzeit ist in der Pinakothek der Moderne ein Kleinod expressionistischer Kunst zu sehen: Franz Marcs Postkarten an die Dichterin Else Lasker-Schüler, darunter sein Neujahrsgruß von 1913 in Tusche und Deckfarben, von ihm selbst betitelt: „der Turm der blauen Pferde“.
Vier Pferde von jugendlicher Fülle und Beweglichkeit, gleichermaßen kraftvoll und von edler Entrücktheit, erscheinen in enger Gruppierung zu einem Turm übereinander gestaffelt. Reinste Pigmente von tiefem, nächtigen Blau und lichtem Hellblau, sowie das durchscheinende Weiß des Papiers bilden ihre energetischen, schwarz umrissenen Körper mit schwarzen Mähnen und Schweifen und mit dunkel unter schweren Lidern blickenden Augen.

Den Pferden sind Sterne und Monde einbeschrieben. (An dieser Stelle sicher auch der Adressatin Else Lasker-Schüler zu Ehren, die sich Stern und Mond als Signum wählte.) Während ihre Leiber nach vorne rechts gerichtet sind, wenden sie ihre Köpfe nach links zurück. Dort steigt über nächtlichen Wäldern dynamisch ein besternter Lichtbogen auf und überfängt die Gruppe in der Höhe. Der Bogen gleitet vor transluzid gelbgoldenem Licht, das nach rechts zu immer höher gesättigt in Gelb leuchtet.

Dieses auf wenigen Quadratzentimetern funkelnde, geradezu hymnisch den Sieg des Geistigen in seinen harmonisch kosmischen Kräften feiernde Bild, steht in Zusammenhang mit einem der berühmtesten verschollenen Werke der Kunst: dem 200 x 130 cm großen Gemälde „Turm der Blauen Pferde“, das Marc im Mai 1913 in Sindelsdorf vollendete und Kandinsky zeigte. Es wurde ausgestellt im Ersten deutschen Herbstsalon in Berlin 1913, 1919 von Ludwig Justi für die Nationalgalerie Berlin angekauft, 1937 aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München auf den Protest des Deutschen Offiziersbundes hin wieder entfernt, dann von Hermann Göring in Besitz genommen – und ist seit 1945 verschollen.

Eine kleine Postkarte – verbunden mit großen geistigen Werten, einer besonderen Künstlerfreundschaft und einem tragischen Bilderschicksal. Nicht zuletzt bringt es selbst – als Teil der Sammlung Fohn – eine ungewöhnliche Geschichte mit sich… doch lassen Sie sich in unseren Führungen mehr zu Themen und Inhalten expressionistischer Werke berichten. (Angelika Grepmair-Müller)

Franz Marc – Zwischen Utopie und Apokalypse

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Welch ein Titel. Apokalypse, erschreckend modern gemäß der Zeit, in der wir leben. Ich bin auf dem Weg nach Kochel am See in das Franz Marc Museum. Ein Gast ist dort zu sehen, ein Werk von Franz Marc, das vor Jahrzehnten nach New York an das Salomon R. Guggenheim Museum verkauft wurde . Das Gemälde Das arme Land Tirol bildet jetzt das Zentrum einer Ausstellung , die den Künstler in seiner spätesten Schaffensphase zeigt, kurz vor seinem Tod am 4. März 1916 vor Verdun. In seinen vielfältigen Bezügen zu künstlerischen Strömungen seiner Zeit und politischen Positionen ist es ein großes Werk zum Nachdenken, Interpretieren, für Assoziationen. Der Weg schien heute nicht weit – nach dem Nebeltag grau in grau lichtet sich der Himmel zum Sonnenuntergang. (Sibylle Thebe)

Hier der Link auf die Ausstellung im Franz Marc Museum Kochel.

Klee & Kandinsky – Ein Fest der Freundschaft!

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Endlich ist es so weit: die lang erwartete Ausstellung ´Klee & Kandinsky: Nachbarn, Freunde, Konkurrenten´ im Kunstbau des Lenbachhauses hat letzte Woche eröffnet. Über dreißig Jahre waren die beiden Ausnahmekünstler in wechselvollen Zeiten miteinander verbunden. So unglaublich es klingt, es ist das erste Mal, dass die beiden Künstler derart umfassend gegenübergestellt werden. Hochkarätige Leihgaben u.a. aus dem Guggenheim Museum New York und dem Centre George Pompidou Paris bereichern die fulminante Schau.

Mit über 190 Werken spannt die mit dem Klee Zentrum Bern erarbeitete Ausstellung einen großen Bogen: von beider Anfänge und der Zeit des Blauen Reiters in München zu den gemeinsamen Bauhausjahren in Weimar und Dessau bis hin zum eindrucksvollen Spätwerk Kandinskys in Paris und Klees in Bern. Auf absolut sehenswerte Weise verdeutlicht die Ausstellung die künstlerischen und menschlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, das wechselnde Kräfteverhältnis und die gegenseitige Inspiration zwischen beiden. Gemeinsam spornten sich die Nachbarn, Freunde und Konkurrenten zu immer wieder neuen Ausdrucksformen an. (Daniela Engels)

Lenbachhaus München, Kunstbau. Bis zum 26. Januar 2016.
Kartenreservierung empfohlen über www.lenbachhaus.de/tickets

Willkommen

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Liebe Leserinnen und Leser! Dies ist der erste Eintrag  unseres Führungsteams ´Expressionismus in Bayern´. Herzlich willkommen in unserem gemeinsamen Blog. Ausgewählt habe ich als erstes Bild einen meiner Lieblingsorte auf dieser Welt. In der Nähe des Murnauer Biergartens am Ähndl gelegen, geht der Blick über die Wiesn auf das Moos bis ins Garmischer Gebirge. Grüne Wiesen, braunes Moor, blaue Berge. Zur jeder Stunde wechseln Licht und Farbigkeit der Szenerie. Freilich bringen auch die Jahreszeiten neue Farbvarianten, Nuancen und Kontraste hervor. Ein Farbspiel, das die Künstler des ´Blauen Reiter´ fasziniert hat und mich jedes Mal überwältigt.

Lesen Sie in diesem Blog von unseren Exkursionen, Führungen und Ausflügen rund um den Expressionismus in Bayern. Wir berichten von unseren Lieblingsbildern und Lieblingskünstlern, von besonderen Orten und Geschichten, interessanten Ausstellungen und neuen kunsthistorischen Erkenntnissen, von persönlichen Erfahrungen und Gedanken, kurzum von allem, was unserer Meinung nach interessant für alle ist, die wie wir den Expressionismus schätzen und lieben. (Christoph Engels)