Archiv für den Monat: September 2016

Campendonk im Blick im neuen Museum Penzberg

Er ist der jüngste der „Blauen Reiter“ – und wohl der letzte, der gebührend gefeiert wurde: Als das Museum Penzberg im Juni in seinem neuen Erweiterungsbau Heinrich Campendonk (1889-1957) eine große Eröffnungsausstellung widmete, stürmten 2000 Besucher allein am ersten Wochenende das Haus. Seitdem sind über 5600 weitere hinzugekommen – und die Nachfrage reißt nicht ab. Was tun also? Alles belassen? Das geht allein schon wegen der lichtempfindlichen Arbeiten auf Papier nicht. Also zaubert Museumleiterin Gisela Geiger kurzerhand gut 50 neue Arbeiten aus der Sammlung hervor und hängt in Rekordzeit einen Teil II der Schau „Campendonk im Blick“. Und das ist beileibe kein müder Nachtrag, sondern ein Augenflirt voller Rätsel und Leuchtkraft, ein verheißungsvoller Auftakt zu weiteren Sonderpräsentationen – und ein erfülltes Versprechen, dass sich das neue Haus wirklich lohnt.

1909 hätte das keiner gedacht, am allerwenigsten Campendonk selbst: Aufgerissene Augen, schrille Farben, wirres Künstlerimage à la van Gogh und jede Menge Attitüde zeugen in seinem Selbstportrait von einem Jungspund, der sich in Krefeld gegen den Willen der Eltern zur Kunst bekannte und einen Hilfsjob im Osnabrücker Dom angenommen hatte. 1911 kam mit dem Umzug zur Blauen-Reiter-Truppe nach Sindelsdorf bei Penzberg wortwörtlich die Erleuchtung, die sich stringent auch in den Bildern breitmacht. Vor allem in der Hinterglasmalerei, die ab Januar in einer großen Ausstellung in den Fokus rücken wird: Durchs Glas hindurch leuchten die Fische eines Stilllebens in tiefer Magie (1926). 1922 begegnen sich hinter Glas in ungeheurer Brillanz zwei Frauen an einem irisierend grünen Tisch, die eine bäuerlich im Blümchenkleid, die andere die mondäne femme fatale mit einem Hunde-Pantherwesen.

Mit den verschiedenen Seiten und Rollen der Frau haderte der Künstler denn auch zeitlebens.  Die gemütlichen Dicken, die im Aquarell „Kabarett“ 1911 den Mann noch umgarnen und ein bisschen an Georg Grosz‘ Karikaturen erinnern, werden 1912 schon zu „Muse, Geliebte und Mutter“, nach und zwischen denen sich der junge Mann verzehrt. Die geballten Energieströme bringt Campendonk hier in Tusche zum Ausdruck. Sie beherrschen auch das Thema Ausdruckstanz, das in genialen, aquarellierten Zeichnungen den revolutionären, expressiven Zeitgeist manifestiert.

Und was machte man sonst zu Oberbayern zu Zeiten des großen Freigeists? Radeln! Das neu entdeckte Phänomen Tempo und Technik erfuhr hier eine gemütlichere Dimension, die dafür umso mehr Sinnlichkeit zuließ: Inspiriert durch Delaunays Orphismus schwelgt Campendonk 1914 in einer schwingenden Berglandschaft, in der Heuhocken fast zu Palmen und Bauernhöfe quasi zu Pagoden werden. 1913, zwischen Kirche und Kreuz, lenkt uns der Radfahrer zu einer krassen Konfrontation zwischen Mann und Frau, drohend aufgereckter Schlange und nett rundlichem Pferd. Welch Symbolik! Noch 1914 sollte Campendonk unsanft aus seinen Gedankenreisen und Beziehungsthemen durch den Kriegsdienst herausgerissen werden. In reizenden Postkarten-Miniaturen schrieb er täglich seiner Frau Ada. Die Sonderausstellung dazu folgt noch.

In den 30er Jahren wird die Bildsprache des Düsseldorfer Akademieprofessors für Wandmalerei flächiger – und trister: Reiseerinnerungen bergen die Tragik der NS-Diktatur, unter der er sein Amt und seine Heimat verlieren sollte. Ein Reihe Kruzifix-Darstellungen kündigt schon in den 1910er-Jahren an, dass Campendonk sein Künstlerleben auch immer als Leidensweg verstand. Der Ausweg aus der Misere war die Fantasie, die zu aberwitzigen Kreuz-Kompositionen mit Frauenumarmung, Clownsreigen oder Bischof in fast orientalischen Formen führte. Die gedankliche Flucht hat bis heute nichts an Anziehungskraft verloren.

Bis 31. Dezember, Tel. 08856/813480.

(Freia Oliv)