Archiv für den Monat: Oktober 2016

Eindeutig vieldeutig: Franz Marc in Kochel

Sprühendes Rot, auskragend, Platz fordernd, in sich drehend: Diese zentrale Form scheint alle um sich liegenden, gelben und grünen Spitzen aufgesaugt zu haben und neu daraus geboren zu sein. Und sie greift so weit um sich, dass der größte Widersacher sich geradezu weg zu ducken scheint: Das Blauschwarz rollt sich zusammen in seine dunkle, blaurot schimmernde Bildhälfte. „Kämpfende Formen“ hat Franz Marc 1914 gemalt, just bevor er zum Ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Was er uns damit sagen wollte? Das hat eine der größten Diskussionen in der Kunstgeschichte entfacht. Marc selbst, 1916 in Frankreich gefallen, löste das Rätsel nicht auf. Auch das Franz Marc Museum in Kochel gibt keine Antwort: Gott sei Dank! Hier wird vielmehr die ganze Bandbreite des Malers „zwischen Utopie und Apokalypse“ ausgestellt, flankiert von berühmten Kollegen, eingebettet in zeitgeistige Strömungen und in Kontext gestellt mit den „Spätfolgen“ der Abstraktion nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Schau ist der letzte Teil einer Trilogie zum 100. Todestag Marcs am 4. März 2016. Dafür reisten die „Kämpfenden Formen“ von der Münchner Pinakothek der Moderne zurück an ihren Entstehungsort am Kochelsee. Was dort Marc zu diesem Bild antrieb? Ist es ein Gleichnis des Kriegs, in dem der rote, deutsche Adler gewinnt? Ist es der Kampf Gut gegen Böse? Oder das ewige Ringen des Männlichen mit dem Weiblichen? Oder thematisiert es die philosophische Diskussion um Materielles contra Spirituellem? Wir werden es nie wissen. Und das ist gut so: 1913 schrieb Marc nämlich selbst an seinen Kollegen Robert Delaunay in Frankreich: „Sie konstruieren die Idee einer Malerei ohne Gegenstand; ich behaupte, dass es so eine Malerei nicht gibt.“ Marc ist der Überzeugung, auch jede an sich abstrakte Linie ist eine Sache. „Es ist gut möglich, dass jeder Betrachter hier eine andere Sache sieht, eine andere Idee, aber ‚irgendetwas‘ wird er hier immer sehen.“ Wie schön! Marc befreit uns damit von einem eindimensionalen, eindeutigen Denken. Er gibt uns das Recht auf eigene Ideen und Sichtweisen – und den Künstlern die große Freiheit.

Damit wird die zentrale Botschaft der „Blauen-Reiter“-Ära vermittelt, die im Sinne aller Expressionisten den wohl größten Paradigmenwechsel in der Kunst vollzogen hat: vom Äußeren zum Inneren, vom Erscheinungsbild zur persönlichen Interpretation, von der einen Wahrheit zur Vielfalt der Wahrnehmung. Das muss übrigens nicht zwingend die reine Abstraktion sein: Die Schau in Kochel zeigt in tollen Beispielen auf, wie parallel Bildwelten entstanden, die mit dem alten Vorurteil, dass nur das Ungegenständliche modern sei, aufräumt. In Marcs „Skizzenbuch aus dem Felde“, 1915 in Verdun begonnen, sind unglaublich dichte, schimmernd changierende Bleistiftzeichnungen enthalten, die das Tier als reines Wesen (im Gegensatz zum grausamen Menschen) und die reine Form als spirituelle Komponente zeigen. Während Marc an der Front immer noch an eine Art Reinigung durch den Krieg, an einen Neuanfang danach glaubt und dafür „konstruktive Bilder“ liefern möchte, sind seine Kollegen schon früher desillusioniert: Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Otto Dix sind mit Bildern vertreten, die die Depression und Kritik an der Nachkriegsgesellschaft – eindeutig und gegenständlich – formulieren.

In verschiedenen Räumen und Kabinetten werden die gleichzeitigen Strömungen in der Moderne ausgelotet: mit Paul Klees wunderbaren Architekturen, mit Robert Delaunays Orphismus als kristalline, vitale Matrix der Welt, mit Wassily Kandinskys „Improvisation“ (1911) und seinem immateriell hellen „St. Georg“ (1910) als Verkörperung der spirituellen und geistigen Kunstschöpfung. Schlussendlich wurden alle diese Entwicklungen durch das NS-Regime unterbunden. Erst mit Ende des Zweiten Weltkrieges konnten Fritz Winter „Die Triebkräfte der Erde“ (1944), Willi Baumeister die „Metaphysische Landschaft“ (1948) oder Rupprecht Geiger seine schwebenden Farblandschaften entwickeln, die es ohne Marc und Co nie gegeben hätte.

Ergänzt um Marcs Korrespondenz mit Else Lasker-Schüler und der zeitgenössischen Installation von Michaela Melián zu Heimweh, Erinnerungen und Poesie zeigt die Ausstellung so, wie richtungsweisend und grundlegend die die Kunst vor hundert Jahren für unsere heutige Gesellschaft war und ist.

Bis 15. Januar 2017. Katalog: 29,80 Euro. Tel. 08851/924880

(Freia Oliv)