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Der Turm der Blauen Pferde

Mischtechnik (1912 - 1913) Franz Marc [1880 - 1916] Bildmaß 14,1 x 9,4 cm Inventar-Nr.: 13550, Artist: Franz Marc
Franz Marc: Der Turm der Blauen Pferde, Postkarte, 1912, Tusche und Gouache auf Karton 14,3 x 9,4 cm, © Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München
Derzeit ist in der Pinakothek der Moderne ein Kleinod expressionistischer Kunst zu sehen: Franz Marcs Postkarten an die Dichterin Else Lasker-Schüler, darunter sein Neujahrsgruß von 1913 in Tusche und Deckfarben, von ihm selbst betitelt: „der Turm der blauen Pferde“.
Vier Pferde von jugendlicher Fülle und Beweglichkeit, gleichermaßen kraftvoll und von edler Entrücktheit, erscheinen in enger Gruppierung zu einem Turm übereinander gestaffelt. Reinste Pigmente von tiefem, nächtigen Blau und lichtem Hellblau, sowie das durchscheinende Weiß des Papiers bilden ihre energetischen, schwarz umrissenen Körper mit schwarzen Mähnen und Schweifen und mit dunkel unter schweren Lidern blickenden Augen.

Den Pferden sind Sterne und Monde einbeschrieben. (An dieser Stelle sicher auch der Adressatin Else Lasker-Schüler zu Ehren, die sich Stern und Mond als Signum wählte.) Während ihre Leiber nach vorne rechts gerichtet sind, wenden sie ihre Köpfe nach links zurück. Dort steigt über nächtlichen Wäldern dynamisch ein besternter Lichtbogen auf und überfängt die Gruppe in der Höhe. Der Bogen gleitet vor transluzid gelbgoldenem Licht, das nach rechts zu immer höher gesättigt in Gelb leuchtet.

Dieses auf wenigen Quadratzentimetern funkelnde, geradezu hymnisch den Sieg des Geistigen in seinen harmonisch kosmischen Kräften feiernde Bild, steht in Zusammenhang mit einem der berühmtesten verschollenen Werke der Kunst: dem 200 x 130 cm großen Gemälde „Turm der Blauen Pferde“, das Marc im Mai 1913 in Sindelsdorf vollendete und Kandinsky zeigte. Es wurde ausgestellt im Ersten deutschen Herbstsalon in Berlin 1913, 1919 von Ludwig Justi für die Nationalgalerie Berlin angekauft, 1937 aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München auf den Protest des Deutschen Offiziersbundes hin wieder entfernt, dann von Hermann Göring in Besitz genommen – und ist seit 1945 verschollen.

Eine kleine Postkarte – verbunden mit großen geistigen Werten, einer besonderen Künstlerfreundschaft und einem tragischen Bilderschicksal. Nicht zuletzt bringt es selbst – als Teil der Sammlung Fohn – eine ungewöhnliche Geschichte mit sich… doch lassen Sie sich in unseren Führungen mehr zu Themen und Inhalten expressionistischer Werke berichten. (Angelika Grepmair-Müller)